1. Einrichtung der Zentrale und der Gelieger

Die Große Ravensburger Handelsgesellschaft hatte ihren ständigen Sitz in Ravensburg, aber auch in Memmingen, Konstanz und St. Gallen wurden Geschäftszweige durch Bevollmächtigte betrieben. Die Gesellschaft hatte "Gelieger" auf italienischem Boden in Venedig, in Mailand, mit einem Posten in Como, und in Genua. Auf dem Boden der Schweiz gab es einen Agenten in Bern, ein Gelieger in Genf. Im heutigen Frankreich die Gelieger in Lyon und Avignon, dabei waren Gesellen in Bourg-en-Bresse und in Bouc bei Marsaille stationiert. Die Vertretungen in Perpignan und Toulouse waren wohl stets Einheimischen anvertraut. Im Bereich der Krone Aragon gab es drei Gelieger: in Barcelona, Saragossa, und Valencia, daneben einige Vertretungen in (Tortosa, Alicante, Bilbao). In den Niederlanden hatte man ein Gelieger in Brügge, später in Antwerpen, in Köln war ein Agent. Im deutschsprachigem Raum bestand nur ein Gelieger in Nürnberg, ein zweites in Wien. An der Spitze eines jeden Geliegers stand ein Obmann, dem alle zum Gehorsam verpflichtet waren, ihm zur Seite führte ein Geselle die Rechnung. Immer wieder wurden sie angehalten fleißig zu sein und gewinne zu erzielen. Die Rekordanz für Genf, Lyon, Avignon, Saragossa, Barcelona und Valencia vom März 1478 heißt es z. B.: "...sind Jachoben gehorsam. "Wir würden in Valencia eines alten Dieners bedürfen, aber an dem haben wir Mangel. Und darum bist Du, Jakob, der Alte. Gib ein gut Vorbild. Wer nicht den rechten Weg will, das schreib uns füglich, und wir wollen ihm den Sack an den Hals geben und schone darin niemand, denn Du bist sein schuldig gegen Gott und die Welt. Und ir iungen sund in och also gehorsam sin, bloß wär ain gantze gesellschafft dar, d. h. ; und Ihr Jungen sollt ihm gehorsam sein, als wäre eine ganze Gesellschaft da" (47). An der Seite des Obmanns stand ein Geselle, der die Rechnung der Gelieger führte. Die Prokura hatte nicht allein der Obmann, sondern sie war auf mehrere Gesellen abgestellt und zwar aus dem einfachen Grunde, daß das Geschäft weiterlaufen konnte, im Falle daß der Obmann durch irgendeinen Zwischenfall ausfiel, "damit sie , wenn uns hier etwas zustünde, wie über Nacht geschehen mag, nit standint asl bestyas (= das liebe Vieh)" (48). Die Prokura erlosch für den jeweiligen Obmann und die Gesellen nach einer Geschäftsperiode. So heißt es in einem Brief aus Ravensburg, in der Rekordanz um 1478: "Item lieben heren. Ir wisent wol, das unser kainer, so iets hina ist, kain proqur von uich haut, den die sit ist iets ze ostra ussgangen. (Nun liebe Herren: Ihr wisset wohl, daß keiner von uns der jetzt gerüben ist, kein Prokura von Euch hat, denn die Zeit ist jetzt zu Ostern ausgegangen.)" Als einmal aus Versehen die Prokura für Saragossa nach Valencia gesandt wurde, die Prokura also solange ausge-blieben war, schreiben die vom Gelieger: "Da Ihr die Procur für Saragossa nach Valencia gesendet habt, ist nicht wohl angesehen, denn Ihr in allen Briefen zu Saragossa verstanden habt, daß sie auf die Procur gewartet haben wie die Juden auf den Messias. Was soll sie in Valencia?" (49). Welche Geschäftsbücher wurden nun von der Gesellschaft geführt ?. In einem "Wertbuch" wurden die Einlagen der einzelnen Gesellen eingetragen. Hinzu kamen die jeweiligen Ehrungen der Rechnungsperiode. Bei Lehrlingen oder bei solchen Gesellen, die noch keine Einlagen, also noch kein Konto im "Wertbuch" hatten, wurde die Ehrung in das Schuldbuch eingetragen. Sehr selten wurden sie bar bezahlt. Jedem tüchtigen Gesellen wuchs so mit der Zeit ein gewinnbringendes Kapital zu. Die Abgänge wurden mit-unter in das Schuldbuch eingetragen, meist jedoch in das Wertbuch. Für die Listen der "ganzen oder halben Gewinnung", der zweifelhaften oder guten Schulden bildete das Schuldbuch, oder wie es auch genannt wurde, das Buch C, die Grundlage. Das Buch C verrät durch seinen Namen -C gleich Capo-, daß es aus Italien entnommen und das "Hauptbuch" war. Die Konten der Gesellen des Hauptbuches sind die innerhalb einer dreijährigen Geschäftsperiode vorkommenden Ein- und Auszahlungen. Natür-lich gab es daneben auch noch andere Rechnungsbücher, von denen noch einige Blätter im Original erhalten sind. Oft wurde auf solch eine Originalrechnung die Notiz gemacht, z. B.: "ist ingeschriben ins M 84 ac 36". Es handelt sich hierbei um die Manuale; den Nachforschungen des A. Schultes zufolge hat die Gesellschaft von 1474 bis 1517 an die 38 solcher Manuale angelegt und geführt. In ein besonderes Frachtbüchlein wurden die Transporte nach dem Gewicht eingetragen. In den Papieren der Leitung steht: "Item Hansem Lamparters fagot wigt 105 Pfund, so von Leon kommen ist, sol man im zu schriben das furlon. Inn das frachtbuchlin ac ...." . Vom Jahre 1479/80 ist uns aus dem Gelieger Nürn-berg eine Rechnung erhalten. Sie enthält eine genaue Übersicht über Zugang und Abgang von Ware innerhalb der Gesellschaft. Es wird ganz genau nach dem Inhalte, nicht nach dem Werte angegeben, was "her ist komen von allen enden", und was aus dem Gelieger geliefert wurde, wurde in der Liste geführt: "Was ich von allem Gut heim und an alle Ende gesendet habe" (50). Auch hier sind wiederum der Empfänger und die Waren ihrem Inhalt nach und außerdem die Fracht-anzahlungen angegeben. Aus der Rechnung kann man also nicht erkennen, wie sich die Kasse bewegte, wohl aber ist die Warenbewegung innerhalb der Gesellschaft in allen Einzelheiten festzu-stellen.Wie wurde nun von der Zentrale in Ravensburg Gewinn oder Verlust für die einzelnen verkauften Waren ausgerechnet, wenn Ankaufspreis zuzüglich der inzwischen angewachsenen Spesen nicht angegeben waren ?. Von den einzelnen Geliegern wurden an die Zentralleitung in Ravensburg Verkaufs- und Schuldzettel, sowie "Berichte der Transporte" gesandt. Die Verkaufs- und Schuldzettel gaben den Herren im Gesellschafts-haus zu Ravensburg Aufschluß über erfolgte Bezahlung von Waren, über gewährte Kredite. Aus den Angaben der Transporte konnten sie z.B. folgendes entnehmen: "Ein Ballen "Ortsafran", der von Saragossa zur Frankfurter Messe abging, kostete nach seinem dortigen Werte soundsoviel Gulden. Der Ballen wurde von Saragossa nach Lyon, von Lyon nach Genf und von Genf nach Frankfurt transportiert. Durch die Hinzurechnung der in jeder Stadt bezahlten Transportkosten ergab sich dann, was der Ballen Safran nach Frankfurt gelegt kostete. Die Differenz aus diesem Gesamtpreis und dem Verkaufspreis auf der Messe ergab dann jeweils Gewinn oder Verlust, wobei die Generalunkosten allerdings nicht beachtet wurden.

2. Vom Einkauf bis zum Verkauf der Waren

A.) Allgemeines

Die Ravensburger Handelsgesellschaft beschränkte sich beim Ankauf der Waren nicht auf eine ein-zelne, bestimmte Warengattung, sondern ergriff fast alle Gebiete und handelte mit allem, was Gewinn versprach. Dies setzt bei den Gesellen eine umfassende Warenkenntnis voraus, die jedoch im einzelnen nicht an die eines Spezialhändlers heranreichte. Aus diesem Grunde wurden für den besonders schwie-rigen Ankauf von Korallen und Safran nur verantwortungsvolle, geschäftstüchtige und erfahrene Gesellen beauftragt. In Bezug auf den Korallenankauf schreibt die Ravensburger Handelsgesellschaft am 9. Oktober 1479 an einen Batista in Barcelona: "... und Batista tue die ougen uff, den er ist aim helle kouffmanschaftz (Kaufmannschaft) zu kouffend" (51). Unter dem Stichwort "Korallen" steht in der Großen Rekordanz vom 23. Oktober 1477: "Wier sorgend voll Luipfird (Muntprat) du sigist im zu kindisch. So ist es undere Meinung, wenn etliche "polidas" vorhanden wären, das Du Pollai, eine Ritt gen Barcelona thätest, damit wir keinen Unkauf hätten." (52). Auf einer anderen Seite dieser Rekor-danz heißt es: "Doch so ist not, ir sächint woll zu, dar mit ir unsß kain unkofft tögint, den coralle koffen ist alt ain kindly spyl." (53). Dadurch, daß durch den Warentransport von den Geliegern zur Zentrale erhebliche Kosten entstanden, war der Handel von wertvollen Waren in ein geringes Volumen einge-schränkt. Die Gesellschaft hatte stets das Bestreben, möglichst bis an die Stätten der Produktion zu gelangen. Freilich war das nicht immer möglich.. Die Waren des Levantehandels z.B. konnte die Gesellschaft nicht über Venedig, das ja den deutschen Kaufleute eine Weiterreise unmöglich machte, auch nicht über Genua, Barcelona oder Valencia hinaus verfolgen. Zunächst wurde in der Heimat, im Raume Konstanz, Lindau, Kempten, Memmingen und Ravensburg der Ankauf des oberschwäbischen Leinwands, im geringeren Maße der des Barchents organisiert. In Nürnberg erwarb man die dort her-gestellten Metallwaren. Die niederösterreichische Produktion wurde in Wien, die westfrankreichs in Lyon, die aragonische in Barcelona-Saragossa und die lombardische in Mailand erfaßt. Besonders auf italienischem und spanischem Boden pflegten sie den Verkauf; der mit dem Leinenhandel das Rückgrat des Handels der Ravensburger Handelsgesellschaft bildete.

 

 

 

 

 

 

 

B.) Das Gelieger von Venedig

Im Jahre 1448 stand das Gelieger von Venedig in voller Blüte, in diesem Jahr streckte der Faktor Hans Griesinger für den deutschen Hochmeister 2 500 Dukaten vor, die im Gelieger zu Nürnberg der Gesellschaft wieder zu ersetzen waren. Ab 1474, also verhältnismäßig früh finden wir in der Lagunenstadt keine dauernde Vertretung mehr. Venedig war lange Zeit Hauptabnehmer des ober-schwäbischen Leinens, Baumwolle für die Barchentweberei und Gewürze, vor allem aber Indigo wurden von den Ravensburgern eingeführt. Das Gelieger in Mailand hatte eine viel größere Bedeutung als die Niederlassung in Venedig.

C.) Das Gelieger von Mailand

Der erste Nachweis über den Faktor in Mailand stammt aus dem Jahre 1447. Der Faktor wird direkt als solcher bezeichnet: "Henrichus Franchus de Constantia factor mobilis vivi Josumpis mercatoria Alamani". Wie bereits erwähnt, wurde in Mailand der lombardische Handel erfaßt. Seltsamerweise wurden von der Handelsgesellschaft nachweisbar nur insgesamt 34 Ballen Leinwand dorthin verkauft. Umgekehrt ging von der äußerst stark entwickelten altberühmten Mailänder Barchentweberei schwarzer, aber auch sonstiger Barchent (Gewebe aus Leinen und Baumwolle) in großen Quantitäten nach Norden, vor allem aber wurde er von der Gesellschaft für die Gelieger in Spanien geführt. Wollstoffe, besonder aber feinste Stoffe aus Seide, Gold und Silber, Damaste und Brokate waren gesuchte Handelsartikel aus Mailand. Die Gesell-schaft kaufte hier auch Perlen und Edelsteine, aber nur für Gesellen und verkaufte dort Straußenfedern. Daneben waren die Ravensburger Abnehmer der Mailänder Goldschlägerei und der berühmten Metallindustrie. Unter den einzelnen von dort ausgeführten Artikeln stehen Eisendraht, Nadeln und Nägel voran, dann auch Schellen, Scheren, Ketten und Stecknadeln aus Messing. Mailand empfing aus Deutschland erhebliche Mengen an Zinn und Kupfer, dann Messing in Tafeln, Schmirgel, der zum Polieren von Metall verwendet wurde. Aus Spanien wurden von der Gesellschaft Schaffelle und Lammfelle nach Mailand eingeführt. An Lebens-mittel wurden von Mailand ausgeführt: Käse, der aus der Landschaft Piacenza kam, Schachteln mit Konfekt, Weinbeeren, Kapern, Thunfisch und "Triax". Ein Überblick über die Warenausfuhr zeigt, daß die Ravensburger Handelsgesellschaft besonders an der Mailänder Metall- und Barchentindustrie interessiert war, ansonsten aber den Handel mit Luxuswaren vertrieb.

D.) Das Gelieger von Genua, "la superba" die stolze Stadt.

Die günstige Lage Genuas gegen das Binnenland und die Privilegien der Stadt für die deutschen Kaufleute waren die Gründe dafür, das schon sehr früh in Genua ein Gelieger der Ravensbuger Handelsgesellschaft entstand. Das genaue Gründerjahr läßt sich nicht feststellen, doch ist der Vertrag Genuas mit Marseille von 1221, der Franzosen, Burgundern, Engländern und Deutschen u. a. die Fahrt auf das hohe Meer verbietet, ein Beweis dafür, daß bereits 1221 deutsche Kaufleute in Genua tätig waren. Revolutionen und Machtkämpfe des Adels machten es der Handelsgesellschaft immer wieder schwer, das Gelieger aufrecht zu erhalten und Handel zu betreiben. So beklagen sich die Ravensburger in der Rekordanz aus Genua vom 14. Februar 1507: "Kain governo und regementt yst hie nit, die rychenn unnd die machtigen turen das mull nitt uff thon noch redenn und buben, so 7 gallgen verdinett hand, die regieren. Da täncken, wie es woll ganng mug unnd sorgenn, das der tag ains ain willtz lebenn hie werde sin" (54). Aus dem Jahre 1507 stammen die letzten Bilanzen und Rekordanzen des Geliegers in Genua, sodaß man annehmen kann, daß es in diesem Jahr aufgelöst wurde. Erwähnenswert ist noch die Stelle aus der Rekordanz vom August 1479, in der es Heißt: "Item der 2 beitziecha halb, sou man in Flander couifft haut fyr Jenow (Genua), da ist von Jenow usß umb aine geschriben worden fyr unssernn consoll ßer Pallo Baxadone von 14 palma lang und 11 pallm brait" (55). 1479 wurde also für den Genueser Dr. Palle Baxadone, der als "unser Konsul" bezeichnet wird, in Flandern zwei "Bettnieschen" gekauft. Seit 1441 hatten nämlich die deutschen Kaufleute in Genua einen von ihnen gewählten und von der Stadt bestätigten Konsul, der die Anliegen der Deutschen vertrat. Er bekam für seine Dienste das sogennnte "Konsulgeld", das z. B. beim Samt pro Zentimeter 5 ß betrug. Der Handel von und nach Genua war sehr umfangreich. Sehr stark hat sich die Gesellschaft dem Seidengeschäft zugewendet. Der Handel mit Textilwaren stand überhaupt an erster Stelle. Der Ankauf von Samten und Damasten war hier größer als in Mailand, umgekehrt steht es mit den Brokaten. Genua war eine sehr reiche Stadt mit wohlhabenden Bürgern, die einen luxuriösen Lebensstil führten. Dies zeigt sich deutlich an den Waren, die nach Genua eingeführt wurden. Aus Flandern bezog das Gelieger Berkan, kostbare Bankals, Satin, Bursat, alles feinste Leinwandsorten, weiter Bettziechen, englische Tuche, vor allem Arras, aber auch Garn und Seide. Die schwäbischen Leinen wurden von Genua nach Bardiston weiterverkauft. Von St. Gallen bezog das Gelieger Baumwolle und von Ulm Barchent. Seitdem die Ravensburger Handelsgesellschaft ihr Gelieger in Venedig aufgegeben hatte, war sie in Bezug auf den Gewürzhandel auf Genua angewiesen. 1500 wurden für rund 3 400 Gulden Spezereien auf die Frankfurter Herbstmesse gebracht: für 1 802 fl Pfeffer, für 798 fl Ingwer, für 540 fl Gewürznelken, für 200 fl Zittwer, für 92 fl Muskat und dazu kleinere Mengen an Wurmkraut und Rhabarber. Für die Fastenmesse 1503 hatte man nur Gewürznelken abgesandt, das übrige in Genua zurückbehalten. Mit der Entdeckung des Seeweges nach Indien um Afrika herum, durch Vasco da Gama im September 1500, verlagerte sich der Spezereihandel von Genua nach Lissabon und Antwerpen. Aus der Gabriel Gessler geschriebenen Rekordanz von 1503 erfahren wir, daß der Pfeffer für die Frankfurter Messe in diesem Jahr aus Antwerpen besorgt wurde. Die Ravensburger Handelsgesellschaft versäumte es allerdings im Gegensatz zu den Fuggern und Welsern aus Augsburg, aktiv am Indienhandel teilzu-nehmen. Diese verpaßte Gelegenheit trug weitgehend zum Untergang der Ravensburger Handels-gesellschaft bei. Neben den Textil- und Spezereienhandel spielte das Geschäft mit Metall und Metallwaren ebenfalls eine bedeutende Rolle. Trotz der erheblichen Eisenindustrie Genuas war die Einfuhr an Metallen und Metallwaren weit größer als deren Ausfuhr. An Rohmaterial kam vor allem Kupfer nach Genua; aus Nürnberg wurden Messing, Zinn und Silber eingeführt. Neben den deutschen Armbrustwinden waren Blech, glatte und gestampfte Schlüssel, Scherbecken, Kupfer- und Messing-draht begehrte Einfuhrartikel. Die Handelsgesellschaft hat in großem Umfang von Genua Korallen ausgeführt, auch Perlen, einzelne Edelsteine und Straußenfedern, durch die Meeresverbindung nach Spanien war das Gelieger in Genua für die Ravensburger Handelsgesellschaft schon immer von großer Bedeutung. Durch den Übergang zum Handel mit Meeresstoffen war es aber von 1497 an das allerbedeutendste Gelieger der Gesellschaft geworden. Der Ravensburger Kaufmann und Maler Jos Ammann, in Italien Justus d` Allamagna genannt, hat im Kreuzgang des Klosters Sta. Maria di Castello 1451 ein sehr schönes und wohlerhaltenes Fresko der Verkündigung Mariä geschaffen. Ammann war zugleich auch als Kaufmann tätig, er handelte mit Blattgold aus Flandern, mit Silber und Leinwand.

E.) Das Gelieger von Valencia

In Valencia reichte der deutsche Kaufmann an die subtropische Welt heran. Die erste genau Nachricht über den Aufenthalt deutscher Kaufleute im Königreich Aragón, unter anderem auch Leute der Ravensburger Handelsgesellschaft, erhalten wir durch einen Brief der Stadt Valencia an die Stadt Barcelona aus dem Jahre 1445. Die Deutschen, "specialment les companyies de Jous Hompis, Gaspar de Nat et Johan de Colunya" (56), waren in Barcelona von einer "lasterhaften" Person belästigt worden. Die Stadt Valencia wendet sich nun gegen diesen Vorfall und bezeichnet die Deutschen als Leute, die rechtschaffen seien und sich die Achtung der Stadt Valencia erworben hätten. In Valencia bestritt die Ravensburger Handelsgesellschaft mit Ihrem Faktor Jocob Vizlant, die Kosten der ersten Druckerei im Königreich Aragon, die von den deutschen Lambert Palmert aus Köln, Johann von Salzburg und Paul Hurus aus Konstanz geleitet wurde (1473). Es ist anzunehmen, daß die Handels-gesellschaft das Papier für die Druckerei aus Ravensburg besorgt hat. In welchem Jahr das Gelieger in Velencia aufgelöst wurde, läßt sich nicht genau feststellen. 1506 bestand es mit Sicherheit noch, da in den Zollregistern der Stadt Valencia vom 2. März 1506 folgende Aufzeichnung steht: "2. Johann Ompis: b. merceria 6, telles sen. 58, caratels merceria 16, lauto 12, azer sen. 18, ffill de fferro 7, caxa de covre 757 (a 24 Pfund)" (57). Die Kaufleute der Ravnsburger Handelsgesellschaft erlitten in Valencia manchen Rückschlag. Es blieben z. B. Waren liegen, die man nicht mehr, so wie früher, als sie plötzlich über Nacht wieder Gewinn brachten, verkaufen konnte. In einer Rekordanz vom 25. Juni 1479 beklagen sie sich bitter: "Es wil numan ain gestalt um Valentz han als for ziten, wen etwin ain war ain wil in kalma stand, das sich iber nacht verkert un requesta gewan. Ir gelobent nit, das so ain elen ding umb Valentz ist worden aler koffmaschaft halb, doch so secht ir es leyder an unserm ton wol, so sol iuch es Jacob wol wisen ze sagent" (58). Die Ravensburger Handelsgesellschaft betrieb in Valencia Jahrzehnte hindurch eine eigene Zuckerraffinerie. Welches waren nun die Haupthandelsgüter des Geliegers in Valencia ?. Nach Flandern wurde Reis in Ballen, Saflor in Ballen, Kommin (Kümmel), Melasse, Mandeln, Anis, Datteln, Weinbeeren und Seide ausgeführt. Genua war abnehmer für Reis, Wolle, Seide, Zucker und Leder. Die Messen von Lyon wurden von der Ravensburger Handels-gesellschaft mit Seidengarn beschickt. In der Einfuhr nach Valencia stand das Barchent mit an erster Stelle. Von Mailand kamen 15 Ballen, von St. Gallen 24, von Cambrai 9, von Ulm 4 und von Ravensburg 5 Ballen in die Stadt. Aus Brügge wurde weiter holländische und Hochstraß-Leinwand, sowie Spella, Arras, Bonnetten, Scheren und Messer eingeführt. Nürnberg war der Lieferant für Leuchter, Messer, Kupferplatten und Messing; Nadeln, Scheren, Nägel und Eisendraht führte die Gesellschaft von Mailand nach Valencia ein. Valencia bildete in einer Hinsicht eine Ausnahme: Neben dem Gelieger wurde eine Kleinverkaufsstätte, die sogenannte Bodega geführt, die vor 1477 gute Geschäfte gemacht hatte, in den folgenden Jahren aber an Bedeutung verlor. Der Ein- und Ausfuhr nach zu schließen, war das Gelieger von Valencia für die Ravensburger Handelsgesellschaft von sehr großer Bedeutung. Neben diesem Gelieger hatte die Handelsgesellschaft auf spanischem Boden noch zwei weitere Niederlassungen.

F.) Das Gelieger von Saragossa

Saragossa, das im Mittelalter von den Deutschen nur sehr schwer erreicht werden konnte, war keine Welthandelsstadt. Aus den Rechnungen des "Dret real" (59)., die im Archive del Patrimonio Real in Barcelona gefunden wurden, erfahren wir aber, daß bereits im Jahre 1430 die Ravensburger Handels-gesellschaft in Saragossa tätig war. Was veranlaßte die Ravensburger dort ein Gelieger zu unterhalten ? Das Land Aragonien mit seinem Mittelpunkt Saragossa war der Hauptlieferant des im Mittelalter so sehr geschätzten Safran. Außerdem bezog der deutsche Kaufmann doch von dort Wolle, die eine ausgezeichnete Qualität besaß und doch verhältnismäßig billig war. Deutsche und Savoyarden, vor allem aber die Deutschen waren an dem Handel mit Saragossa beteiligt. Insgesamt wurden im Jahre 1430 von den Kaufleuten beider Länder Waren im Werte von 5836 Pfund 14 ß eingeführt; davon entfallen auf die "Humpisgesellschaft" 1820 Pfund 16 ß, also ungefähr 1/3. Aufgeschlüsselt ergibt sich für die Einfuhr der Humpisgesellschaft : 44 Ballen Konstanzer Leinwand für 1628 Pfund, 4 Ballen = 96 Stück Barchent für 172 Pfund und16 ß, 4 Dutzend Filzhüte für 5 Pfund, 42 Paradieskörner für 15 Pfund ergibt 1820 Pfund und 16 ß. Da die Ravensburger Handelsgesellschaft, die in Saragossa "Humpisgesellschaft" hieß, Waren im Werte von 9494 Pfund 16 ß und 4 Pfg. ausführte, mußten die Gesellen um die Schulden zu decken 7674 Pfund 4 Pfg. an Bargeld in ihr Gelieger mitbringen. In der Ausfuhr beschränkte sich die Humpisgesellschaft auf Safran und zwar waren es genau 11.188 Pfund 5 unc. 5 quart. Es ist noch interessant zu erwähnen, welche Waren die anderen Kaufleute nach Sara- gossa einführten: Hüte aus Biberpelz, Strohhüte, 4 Dutzend Hüte für Geistliche, rote Strumpfbänder, Hanfstricke, Tintenfässer aus Horn, Löffel, Messer, Schmiedehämmer, Sporen, Schlegel, Schellen, 300 Stück Fingerhüte für Frauen (darunter auch Fingerhüte für Schneider), Federspitzen, Scheren, Paternoster, Hornbrillen, Edel- und Feuersteine. Von 1475 an gibt es Nachrichten, denen zufolge die Gesellschaft arragonische Felle einkaufte, indem sie die Schuren ganzer Ortschaften erwarb. Die ober-schwäbische Leinwand fand in Saragossa guten Absatz. In der Rekordanz vom 4 April 1480 heißt es: "Von Ravenspurger linwat, der samlety ich umer dar forna zu, so best ich mecht, den dye selb linwat get fas hyeg fon hand, ieder man sucht den guten koff, man schlyst fyll Ravenspurger linvat; dye, so wyr hand, wyert woll ferkofft sin, e unß kain nit mag werden one den nuyen alßmerß, also dar nach wyssend uch zu richtend mit dem koffen" (60). Die Ravensburger Leinwand war also besonders be-liebt und aus dem Jahre 1478 wissen wir, daß mindestens 44 Ballen hingeschickt wurden, und weiter auch gefärbte Leinwand. "Am 6. Juni gingen von Ravensburg nach Jenff per (nach Genf für) Saragossa 22 Ballen: an Ravensburger Leinwand mit ( je 17 Stück per Ballen) 4 zu 14 Pfg., 7 zu 15, 1 zu 4? weitere 8 (zu 20 Stück) schmal weiß und 2 (zu 28) gefärbte in 14 blau, 10 schwarz, 4 grün)" (61). In den späteren Jahren handelte die Ravensburger Handelsgesellschaft ebenfalls mit diesen bereits oben erwähnten Waren. Auf die Ursprungsländer verteilt ergibt sich folgendes: Auf Deutschland sind es nicht ganz 50 %, auf Flandern 39 %, der Rest stammt aus nicht bestimmten Ländern. Als Ulrich Ehinger die Ge-schäftsführung in Saragossa übernahm, war für das dortige Gelieger der Anfang des Niedergangs gekommen. Er vernachlässigte den Handel, feierte ausgiebige Feste und trieb auf Kosten der Handels-gesellschaft ein luxuriöses und sorgenloses Leben. Obwohl diese Krise noch einmal überwunden wurde, befand sich das Gelieger 1523 in einem elenden Zustand. Den dorthin entsendeten Gesellen Ulrich Geßler und Heinrich Stüdlin blieb nichts anderes übrig, als in Aragonien herumzureisen und Schulden einzutreiben. 1526 wurde das Gelieger aufgelöst. Die letzte Bilanz aus diesem Jahre, vom 27. April, gibt ein trauriges Bild: Böse Schulden 1061 Pfd. 12 ß 2 Pfg., zweifelhafte Schulden 1763 Pfd. 6 ß 7 Pfg., gute Schulden 795 Pfd. 9 ß 11 Pfg., bares Geld 2295 Pfd. 19 ß 8 Pfg.

G.) Das Gelieger von Barcelona

Das älteste Zeugnis über das Gelieger in Barcelona stammt aus dem Jahre 1408. Es beweist nicht, daß die Ravensburger Handelsgesellschaft in diesem Jahr schon ein festes Gelieger unterhielt, aber es kann mit Sicherheit festgestellt werden, daß man mit Barcelona bereits Handel betrieb. Lütfried Muntprat hatte auf einem Schiff zwei große Ballen ungebleichten Leinens und 2 Ballen Barchent nach Barcelona verschiffen lassen. Diese Fracht wurde im Jahre 1408 als Eigentum Kataloniens mit dem Schiff von drei Genuesen aufgebracht und beschlagnahmt. Die Stadt Konstanz wendete sich nach Genua mit der Bitte, die Waren als Eigentum Muntprats freizugeben. Barcelona muß anfänglich ein blühendes Gelieger ge-wesen sein, doch Aufstände und Bürgerkriege spielten dem Handel schwer mit. Im Jahre 1477 schrieben die Herren von Ravensburg nach Barcelona: "Ihr zu Barcelona laßt uns wissen, wie es kommt, das ier doch so gantz nuit schaffend, dann wier nit verstond, das ier wit ab habind gelaaden, nun solti aesß doch schier besser waerdenn. (62). Die Zustände verschlechterten sich immer mehr und bereits im Jahre 1478 erwog man, das Gelieger aufzulösen. Liebe Freunde in Barcelona. Euer tun ist sicher schaffend, so ist es nicht gemeint. Aber der Krieg hat uns alles genommen, es nicht besser sein, so entbehren wir euch von dem Gelieger. Sollte es nicht besser werden so schreibt uns Euren Rat, ob man sich Barcelona abtäte. (63). Zu der schlechten Handelslage in Barcelona kam jetzt auch noch die scharfe Konkurrenz der Franzosen und Katalanen. Das Ende des Geliegers war gekommen: "...so es den nit ain ander gestalt da will han und man nit me schafft und die zallunga so bösß sind, so ist zu globind: wyer werdent deß willens uff der rechnung, das wyer unsß Barsolon ganc abtun werdint"... (64). Diese Notiz stammt aus der Rekordanz vom 29. August 1480. 1481 wurden für Katalonien enorme Einfuhrsteuern eingeführt, die den Handel unrentabel machten und zudem noch eine ganze Anzahl von Waren der Gesellschaft ausschlossen. Ob das Gelieger nun sofort aufgehoben wurde, läßt sich nicht beweisen. 1497 ist das Gelieger von Barcelona auf einem Zettel, der von Hans Hinderhofen geschrieben wurde, dem Werte nach mit nur noch 80 fl verzeichnet: "Barcelana sentzal und sust 80 fl" (65). Dem "libro del dret" zufolge, das eine für das Mittelalter unschätzbare Quelle darstellt, war der Handel mit Barcelona sehr umfangreich. Von dem von Aloys Schulte errechneten Wert des Gesamt-handeslverkehrs von und nach Barcelona in den Jahren 1443 - 1480 entfällt auf die Humpis mehr als die Hälfte. 1443 z. B. betrug der errechnete Warenwert 46 140 Pfund. Davon entfielen auf die Humpis 31 984 Pfund 13 ß 9 Pfg. insgesamt, bei einem Einfuhrwert von 14 195 Pfund 14 ß und einem Aus-fuhrwert von 17 788 Pfund 19 ß 9 Pfg. Im Jahre 1480 ließ der Handel mit Barcelona merklich nach. Der Wert des Gesamtwarenverkehrs betrug nur noch 3 148 Pfund 5 ß. Der Anteil der Humpis betrug hierbei 2 146 Pfund 15 ß 4 Pfg. Auf die Einfuhr entfielen 1418 Pfund 7 ß 6 Pfg., auf die Ausfuhr 731 Pfund 7 ß 10 Pfg. An dem Gesamthandel war die Ravensburger Handelsgesellschaft mit 52,12 % beteiligt. (66). Die Einfuhr nach Barcelona bestand zum größten Teil in Fertigwaren, vor allem deutsche Textilwaren: 1443 lieferte die Gesellschaft nicht weniger als 385 Ballen 2 Stück Leinwand, 37 Ballen Barchent, 2 Ballen Canemasserie, 5 Ballen Hüte, 1 Ballen Tuche aus den Niederlanden, 2 Ballen Garn von Audenach und 1 Ballen Garn von Balestra. An Metallen waren es 83 Ballen Kupfer, 28 Ballen Messing, 9 Ballen Messingdraht, 3 Messingblech, 83 Ballen Eisendraht. Die Einfuhr bestand also vorwiegend aus Leinen, das in Spanien sehr gesucht und begehrt war. Innere Wirren führten aber in den folgenden Jahren einen gewaltigen Sturz herbei. Vom 9. September 1480 heißt es: "Von tuischer linvat, lit hie ganz am rugen (liegt hier ganz am Rücken), dar umb fuir her Barselona tarff man kain nit bestelen noch senden, (für Barcelona darf man keine Leinwand bestellen noch senden) veder Raffens-purger noch Santgaler (St. Galler), den nur an 4 bala brait rov Raffenspurger und ain baly velsch rov." (67). Die Ausfuhr bestand im wesentlichen aus Rohprodukten: Safran mit 7 712 Pfund ( im Jahre 1443) steht weit voran. Es kamen weiter in diesem Jahr 344 Pfund Korallen, 15 230 Kaninchenfelle, 12 Körbe "trockene Weintrauben" und 2 1/2 Dutzend Feigenbrot aus Barcelona. Inquisition, Ver-treibung der Juden, die am Handel sehr stark beteiligt waren und andere Wirren ließen Barcelona um das Jahr 1495 zur Bedeutungslosigkeit hersinken. Neben den drei italienischen und den drei spanischen Geliegern besaß die "Große Ravensburger Handelsgesellschaft" in den Rhönelandschaften drei weitere Niederlassungen. Auf dem französischen Boden waren dies Avignon und Lyon, auf heute schweizer-ischem Boden Genf. Die Städte Lyon und Genf waren durch ihre Messen für die Handelsgesellschaft von Bedeutung und außerdem Lagen Sie ungefähr in der Mitte der Handelsachse Ravensburg - Barcelona - Saragossa, Valencia.

H.) Das Gelieger von Genf

Der älteste Nachweis über das Gelieger in Genf geht in das Jahr 1454 zurück. 1458 beschloß der Rat von Genf, an Nikolaus Stoß von Ravensburg, Faktor von Jos und Ital Humpis, 10 Schilde auszuzahlen auf die 50 Schilde, die die Stadt der Gesellschaft seit der Steuer von 1454 schuldete. Der letzte Beleg für einen Besuch der Ostermesse in Genf liegt aus dem Jahre 1478 vor. "... zu Jenff in Ostermesse Trager, Wegerlehe um Zinn und um Papier 4 ß 6 dn."(69) 1478 zahlte die Gesellschaft noch für 2 1/2 Monate. (70). Nach dem gefundenen "unnützen Handelsachen" zu schließen, war die Messe um diese Zeit nicht mehr von aller großer Bedeutung und das Geschäft, das früher bestimmt großen Umfang hatte, war sehr bescheiden geworden. Man verkaufte noch Zucker aus Valencia, spanische Kaninchenfelle, deutsches Schwmal (Schmar) und in späterer Zeit auch etwas Kürnt und Brandsilber. Der Einkauf auf der Genfer Messe war ebenfalls gering. Er beschränkte sich auf etwas Barchent aus Ulm, dann Wein, Feigen, Mandeln, Weinbeeren, Öl, Kapern, Bücklinge, Briefsand. Es waren höchstwahrscheinlich Gelegenheitskäufe, die für einzelne Gesellen bestimmt waren. Die Genfer Messen hatten für die Ravensburger nicht die Bedeutung wie z. B. für die Romanen, für die Genf Endstation ihres Handels war. Die Ravensburger Herren waren auf die Waren der Genfer Messe nicht angewiesen, da sie ihnen ja bis zu den Produktionsstätten z. B. Spanien entgegengingen. Außerdem wurde der Handel immer wieder durch Zölle und Steuern eingeschränkt. In dieser Beziehung war die Messestadt Lyon für die deutschen Kaufleute viel günstiger. Hier hatte der französische König großzügig Privilegien erlassen.

I.) Das Gelieger von Lyon

Im Jahre 1420 waren der verarmten und entvölkerten Stadt Lyon durch den Dauphins 2 Messen verliehen worden. Es ist anzunehmen, daß sie schon damals von den Ravensburger Kaufleuten besucht wurden, belege dafür und auch über ein festes Gelieger stammen erst aus dem Jahre 1474. In diesem Jahre übernahm der St. Galler Philipp Fechter die Leitung. In späterer Zeit war das Gelieger nicht mehr dauernd besetzt. So läßt sich auch erklären, daß 1497 der Wert des Geliegers von Lyon und Avignon zusammen nur 4 102 fl rh. betrug. 1513 waren die Geschäfte in der Messestadt so gering geworden, daß man nur noch eine Kammer mietete. "...daß ich uß sinem huß bin und bin by ainem erlichen man haist Johan Barbin, da kan ich ain ..., gib im ain iar 6 de sol und bin wol dient und gehaiten" (71). Der Rückgang der Geschäfte läßt sich damit erklären, daß die Ravensburger Herren stets nach dem Grundsatz gingen, Waren möglichst am Ursprungsort zu erwerben und am besten am meist ent-legensten Ort zu verkaufen. Lyon selbst und die Bürgerschaft bot ihnen aber nur 2 Dinge: französischen Safran, der eine schlechte Qualität hatte und Canemasserie. Die Hauptwaren der Lyoner Messe blieben im Grunde ungeachtet. Die Ravenesburger führten Zucker und Rohseide aus Valencia nach Lyon ein. Aus Deutschland sind in den Rechnungen einmal Hüte, zweimal Schmalz, Zinn und Silber verzeichnet, die auf die Messe zum Verkauf kamen. Kapern, Tischlaken, Servietten, Marderfelle, Bücher wurden auf den Messen erstanden und an Gesellen weitergeleitet.

K.) Das Gelieger von Avignon

Die Bedeutung des Geliegers von Avignon lag für die Ravensburger Handelsgesellschaft nicht so sehr in dem Warenhandel als vielmehr in seiner günstigen Lage als südlichste Rhönestadt. Avignons Blüte beruhte auf einer Rhönebrücke, die der sagenberühmte Heilige Benezet 1177 - 1184 erbaute, und über die hinweg die Straße nach Nimes und nach Spanien führte. Die Hauptbeschäftigung der Gesellen bestand darin, die auf dem Landwege von Genf und Lyon kommenden Waren entweder zum Hafen von Bouc zu senden, oder sie über die Brücke auf dem Landwege weiter nach Spanien zu leiten. Avignon war in der Hauptsache ein Transportgelieger. Der erste klare Nachweis über den Handel der Ravensbuger Handelsgesellschaft in Avignon führt ungefähr in das Jahr 1420 zurück. Rudolf Mötteli verbrachte dort ein Teil seiner Lehrzeit. Er selbst schreibt davon: "Ich mußte das erste Jahr zu Afiaun, da die Kost billig ist, 30 fl geben und danach, als ich in der Gesellschaft Haus und Küche kam, noch mehr" (72). Die einzige Ware die man in Avignon einkaufte, war Canemasserie. Man tauschte Hanfstoff gegen Zucher, der aus Valencia eingeführt wurde. Baumwolle, Honig und Reis wurden nur einmal in einer Notlage dorthin verkauft. Zinn das von Genf her kam, wurde einmal verkauft und von Nürnberg ging vereinzelt geschabtes Messing und geschlagenes Kupfer nach Avignon. Wenn es heißt: "Item mit der St. Galler linwat weg main wyer alß es stösse sich dar nun, wen die verkoufft sig, so send unsß ain luter rechnung dar von, so kan man sich hin furo dar nauch richten" (73). So sieht der St. Galler Leinwand Verkauf wie eine Probe aus. Das Gelieger verlor bald seine eigene Rechnung. 1497 stehen Avignon, Lyon und Genf mit einer Wertsumme zusammen. Wenn man die Bedeutung der italienischen, spanischen und französischen Gelieger vergleicht, so kann man feststellen, daß die Niederlassungen in Italien und Spanien an erster Stelle standen. Nachdem bis jetzt die süd- bzw. südwesteuropäischen Gelieger der "Großen Ravensburger Handelsgesellschaft" behandelt wurden, kommen jetzt die nord- bzw. osteuropäischen Niederlassungen.

L.) Das Gelieger von Brügge

Das älteste unzweifelhafte Zeugnis, daß die Ravensburger Handelsgesellschaft, die "Joshumpis", in Brügge vertreten waren, stammt aus dem Jahre 1437 (1. Juni). Damals wurden in Barecelona 14 Ballen Rötel, 11 Fäßchen Kupfer, 2 Körbe Garn und 6 Stück holländische Leinwand in ihrem Namen ausgeladen. (74). Dieses Zeugnis gibt also zugleich einen kleinen Überblick, welche Waren ausgeführt wurden. Die Einfuhr kam fast völlig aus Spanien und vor allem aus Valencia. Zur Pfingstmesse in Brügge 1478 hatte man 100 Ballen Mandeln eingekauft, die man jedoch mit 3% Verlust ausweisen mußte. Im Gegensatz dazu fanden die Ballen Reis aus Valencia guten Absatz, sodaß man einen Gewinn von 28 % verbuchen konnte. Kümmel und Anis waren ebenfalls gängige Waren und so gab Andreas Sattler für das nächste Jahr folgende Bestellung nach Valencia auf: "Item wir haind nach Vallentza geschriben für uns dies kunftig iar zu bestellen her, also : Primo uab 150 in 200 bala ris, 100 balla Anis, Mandeln, wo ay ina un 80 ß mogent werden und an 150 bala zanfler 2/3 win, 4 Kistlin wiss wasch (weißes Wachs), 30 karetel mit sirop - 50 bala chomin (Kümmel)" (75). Safran und Zucker kamen ebenfalls aus Spanien nach Brügge. Der Einkauf in Brügge durch die Ravensburger Handelsgesellschaft diente ausschließlich den spanischen Geliegern. Tuche und holländische Leinwand standen an erster Stelle. Eine Sendung bestand einmal aus 14 Ballen für Valencia und 3 Ballen für Saragossa. Eine schon lang geführte Ware waren Mützen. Aus Barcelona kam eine Bestellung von 40 Dutzend Mützen, aus Saragossa kennen wir eine über gar 112 Dutzend. Die Mützen wurden nach Maß gearbeitet. Das Geschäft des Geliegers in Brügge war im wesentlichen ein Warenaustausch zwischen den spanischen und dem eigenen Markt und hing weitgehendst vom Seeverkehr ab. Aus Deutschland führte man nur St. Galler Zwillich ein. Ab 1478 spielten sich in den Niederlanden heftige Machtkämpfe ab. In dem Höhepunkt, da der deutsche Maximilian in Brügge gefangen war und sein Vater Friedrich Reichstruppen, vor allem Schwaben, gegen die Stadt führte, hatten die Ravensburger Gesellen Brügge den Rücken gekehrt, und sich nach Antwerpen gewendet. Ob sie später noch einmal nach Brügge zurückkehrten, kann nicht bewiesen werden.

M.) Das Gelieger von Antwerpen

Wie bereits erwähnt, verlegten die Ravensburger Kaufleute ihr Haupthandeslfeld ungefähr um das Jahr 1485 von Brügge nach Antwerpen. Die Messen der Stadt waren allgemein zu einem stärkeren Anziehungspunkt geworden als Brügge. Es hatte sich in Antwerpen ein bemerkenswerter Geldhandel entwikelt, dem sich die Handelsgesellschaft jedoch fernhielt. Von größten Wert für die Stadt waren die Entdeckungsfahrten der Portugiesen und Spanier. Hatten sich früher die Gewürze Ostindiens von der Stadt Genua aus strahlenförmig verteilt, so kamen auch erste Fahrten die Schiffsladungen mit diesen Gewürzen in die Scheldestadt. In Antwerpen spielt der Handel aus Spanien durch die Ravensburger Handelsgesellschaft keine Rolle mehr. Dafür hatte der Handel aus Italien beträchtlich zugenommen. An erster Stelle standen hier die Luxusstoffe Genuas und Mailands, weit voran die Seidengewänder. Schwarzer Samt und Schanlot waren ebenfalls begehrte Artikel. Eine gängige Ware aus Deutschland stellte die Isnyer Zwillich dar. Dem Handel mit niederländischer Leinwand blieb die Gesellschaft auch in Antwerpen treu. Auf dem "Bamasmarkte" 1504 kauften die Gesellen 595 Stück holländische, 18 Stück von Cambrai und 3 von Brügge. 449 gingen nach Valencia, 125 nach Saragossa, der Rest das waren alle von Cambrai und Brügge, nach Ravensburg. Zum speziellen Gewürzhandel fanden die Ravensburger Gesellen nie die richtige Einstellung, auch fehlte es dazu an barem Geld. Sie kauften ab und zu Pfeffer und schickten diesen nach Ravensburg, aber ein Geschäft das einschlug, ist nicht nachzuweisen. Obwohl das Gelieger bis 1527 nachzuweisen ist (76), hatte es ab 1507 manche Krise zu überstehen. In diesem Jahr war man fast ebenso viel schuldig, wie man Ausstände hatte. Neben diesen beiden niederländischen Geliegern, die beide einen Hafen hatten und daraus einen großen Teil ihrer Bedeutung erlangten, besaß die Ravensburger Handelsgesellschaft noch zwei weitere Gelieger und zwar in Deutschland und Österreich. Dies waren Nürnberg und Wien.

N.) Das Gelieger von Nürnberg

Aus dem Jahre 1439 stammt das erste Zeugnis über die Anwesenheit der Ravensburger Handelsgesellschaft in Nürnberg. Damals dankte die Stadt Nürnberg der Stadt Breslau für ihre Bemühungen wegen der Beraubung durch den Herzog von Sagan. Es heißt : So hat uns denn Jörg von Kur, der Humpis von Ravensburg und irer gesellschaft diener fürbracht, wie er den so von der habe wegen, die seinr herrschaft daselbs genomen sei worden, in obgeschriebener weise auch gerne nachkommen wele und hat uns gebetten, eurer weisheit das auch zu verkünden und darüber zu bitten" (77). An Lebensmitteln kaufte man in Nürnberg Schmer (Schmalz) und das sehr selten. Die Stadt war Hauptlieferant für Metalle und Metallwaren. Der Kupfer- und Zinnhandel war sehr bedeutend. Die Ausfuhr von Messing, Messing- und Kupferdraht sowie von Blechen war erheblich. Schmirgel, der in Italien, besonders in Mailand sehr begehrt war, wurde ebenfalls von Nürnberg geliefert. Der Stadt Ravensburg verschaffte man aus Nürnberg Schießwaffen, Hackenbüchsen, Schlangen, Handbüchsen, Mödel zum Gießen der Geschosse, Eisen und Blei. In der Ausfuhr begegnet man weiter Schreib-messern, Löffeln, Messingzapfhähnen, Leuchtern, Flaschen, Nägeln, Gewichten, Metallschildern, Grab- und Tafelsteinen. In der Einfuhr stehen anfangs die spanischen Waren im Vordergrund. Ortsafran und Zucker gingen gut von der Hand. Weinbeeren, Reis und Korallen aus Barcelona erscheinen nur einmal. Der Handel mit Italien verstärkte sich immer mehr. Von Genua wurden Korallen, Perlen, Samt, Damast, Schamlot, vielleicht auch Galläpfel, Rhabarber und Lasur eingeführt. Von Lucca brachte man Damaste auf den Markt. Das Nürnberger Gelieger ist bis in das Jahr1527 geführt worden, sodaß man ausgehen kann, daß das Gelieger in diesem Jahr noch bestand. Der aus Lindau stammende Oswald Kröll, war von 1495 bis 1503 im Nürnberger Gelieger tätig und ließ sich dort von Albrecht Dürer malen.

O.) Das Gelieger von Wien

Neben diesem Gelieger hatte die Gesellschaft noch ein weiteres im deutschsprachigem Raum, nähmlich in Wien. Das älteste Zeugnis hierüber stammt aus dem Jahre 1440 und findet sich in einem Satzbuche der Stadt Wien. Ein gewisser Hans Hämerl schuldete der Gesellschaft eine Summe von 285 Pfund er verpfändete dafür nach anderen Hypotheken zwei Häuser in Wien und drei Weingärten in Dornbach. "...und ein Haus mit Garten daran mit seiner zugoherung, gelegen auf der Alenerstrass ? zenagst Dieczen Star.. ,das alles der stat grund ist mitsambt drein Dornpach gelegen, die in demselben hof sind den erbern und Italen gev.... und Hansen Lukly, Bürgern zu Ravenspurg, die gesellschafft und irn erben...."(78). Mit welchen Waren wurde in Wien gehandelt ?. Aus Antwerpen besorgte man sich 30 englische Tuche für den Handel, ebenso Arras und Satin. Die eingeführten 75 Stamete stammten aus Mailand und Pfeffer kam aus Portugal über Antwerpen in das Gelieger. Von Wien aus bot Ungarn ein riesieges Absatzgebiet. Allem Anschein nach tätigte die Gesellschaft in Wien keinerlei Einkäufe. Es ist nur einmal bekannt, daß der Wiener Faktor "Heinrich im Steinhause" in seiner Zeit für 700 fl Zobelfelle zu einem sehr hohen Preise gekauft hat. Die Gesellschaft erwog, ob sie nicht dem Ankäufer zu seinen Lasten zurückgegeben werden sollte, da er sie ohne Auftrag erworben hatte. Aus dem späteren Zeiten wissen wir nur sehr wenig über das Gelieger in Wien. Es steht fest, daß ein Hans Geßler 1520 noch für die Gesellschaft dort tätig war.

P.) Handelsgrundsätze

Nun Wissen wir, welche Waren in jedem einzelnen der dreizehn Gelieger erfaßt wurden und welche Hauptgüter und Waren die Ravensburger Handelsgesellschaft in die einzelnen Niederlassungen einführte. Es ist noch einmal zu erwähnen, daß die Handelsgesellschaft stets bestrebt war, an die Produktionsstätten der verschiedensten Güter zu gelangen, also stets bestrebt war, aus erster Hand zu kaufen. Im Einkaufen sahen die Herren die Kunst des Handels: ".. denn aus inkuffen lyt der gwin" (79), "....und all fortaill im souiffen souichen, den am in souiffen liet die kuinst und der gwin" (80), "...doch so wirt sie kunst ouch an dem ligw, at sig (gemeint ist die Ware) tuir ald wol fayl wirt, dem lat sig tuir, so kouff ir dester minder, wolfyl dester se" (81). Außerdem verlangten sie von ihren Gesellen in den Geliegern Entschlußfreudigkeit beim Einkauf. Ein stehender Ausdruck, sie dazu anzuspornen, war: "Ihr müßt deshalb desto minder im Armbrust liegen"(82). Von Ravensburg aus wurden die Gesellen immer wieder angehalten, die Waren auf Lager sorgfältig zu behandeln und für den Transport gut zu verpacken und die Ballen genau zu berechnen, es ist anzunehmen, daß bei dem Transport für die Anzahl der Ballen Zoll gezahlt werden mußte, daß es also nicht auf das Gewicht ankam. So war man natürlich bestrebt, möglichst große Ballen zu machen. Für den Safran wurde vorgeschlagen: " Item wyer hond ouch mit Pollin gerett, al den die carges (Lasten) hond gemacht von 360 Pfund um wyer verstond das felicht ander sig machend von 400 Pfund ald me, dar am hond sig grossen fortayll an zölln und der fur. Darumb, so den die gewin so schmal wend ais, so muß wyer ouch allerlay suchen"(83). Alle Warenballen wurden sorgfälltig mit dem Gesellschaftszeichen und mit einer fortlaufenden Nummer bezeichnet. Manchmal wurde dies vergessen und in der Mahnung von Ravensburg hieß es dann: "Item geldrich schriben, das er die fracht nit saichint .....im ain schand, nit bas dar zu sechen" (84). Allen Warensendungen sollten "Rezepte" beigelegt werden, das waren Aufzeichnungen über den Inhalt und den Einzelwert der Waren, z. B. Ballen 4 enthält 5 Sack Ortsafran. 1 Sack = 1 Pfund kostet Pfund ß Pfg. Eine Reihe solcher Rezepte sind erhalten. Gewöhnlich ging noch auf anderem Wege eine zweite Abrechnung an die Zentrale nach Ravensburg. Eine sehr schwere Aufgabe der Gesellen bestand darin, für den Abtransport der Ware die richtigen Verkehrsmittel und die richtige Zeit zu finden. Kamen die Güter ein paar Tage zu spät, z. B. auf die Genfer Messe, so hatte man größte Absatzschwierigkeiten. Während die einzelenen Gelieger ihren Bedarf unmittelbar bei den anderen Geliegern bestellten, davon nach Ravensburg Nachricht ging, wo den Herren noch die Entscheidung zustand. Die Zufuhr zu den Frankfurter Messen wurde von Ravensburg aus selbst geleistet. Dies läßt darauf schließen, daß die Messen oft besucht wurden, daß sich aber in Frankfurt kein Gelieger befand. Man war sehr bedacht, daß das Geld schafft und nicht lange auf der Ware schlief. Die Preise der Waren wurden wie heute nach Angebot und Nachfrage bestimmt. Die Ravensburger Handelsgesellschaft verkaufte ballenweise mit Ausnahme von dem Gelieger Valencia, das in einer Bodega den Detailverkauf betrieb. Bei den Waren auf den Messen wurde in dieser Hinsicht ebenfalls keine Ausnahme gemacht.

 

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Oswald Kröll, 1499.
Eine Illustration aus der Handschrift des Hamburger Stadtrechts 1497 zeigt den Fernhandelsmarkt an der Hamburger Trostbrücke. Die Ravensburger Handelsgesellschaft hatte zwar kein Gelieger dort, doch um so mehr ist das Geschehen am Hafen interessant. Links ein Tretkran zum Entladen der Schiffe, rechts Kaufleute vor dem Haus des Zollschreibers. Im Hafen verschiedene Schiffstypen: Flußkähne, Jollen und Koggen. Ähnlich zugegangen sein dürfte es in den Häfen von Genua, Barcelona, Brügge und Antwerpen an denen die Große Ravensburger Handelsgesellschaft Waren verschiffte, in Empfang nahm und Gelieger hatte.